2015 – ein Achterbahnjahr

Ich habe aus sportlicher Sicht noch kein Jahr erlebt, das das Auf und Ab im Leistungssport so gut zusammenfasst wie 2015. Ich glaube, dass ich in den nächsten Saisons noch lange von den Erfahrungen dieses Jahres zehren kann. Was ist passiert?

Es begann im Januar alles sehr vielversprechend mit einem tollen zweiwöchigen Trainingslager im portugiesischen Monte Gordo. Während das Wetter in Deutschland zu der Zeit eher unangenehm war, nutzte ich die mediterrane Wärme für einen intensiven Belastungsblock mit hohen Umfängen, der mich auf den Halbmarathon in Barcelona im Februar vorbereiten sollte. An Trainingspartnern mangelte es nie: Neben meinen Vereinskollegen war auch ein großer Teil der DLV-Elite vor Ort. Bei einigen Einheiten liefen wir in Gruppen mit bis zu 20 Leuten auf ähnlichem Leistungsniveau.

Mit dem erfolgreichen Trainingslager in den Beinen fieberte ich dem größten Wettkampf meines Frühjahrs entgegen, dem Barcelona Halbmarathon. Zum ersten Mal arbeitete ich dafür mit meinem Manager Christoph Kopp zusammen, der mich in das enorm stark besetzte Feld hineinbrachte. Es war alles angerichtet für ein großes Abenteuer in der spanischen Metropole. Als letzten Test lief ich zwei Wochen vorher einen gut besetzten 8-Kilometer Straßenlauf in Holland. Der Schnitt von 2:56 pro Kilometer bei welliger Strecke war schon mal vielversprechend und meine Stimmung optimistisch. Als es in Barcelona dann mit dem Bus vom Hotel zum Start ging, wurde ich dann aber doch ein wenig nervös. Ein paar Reihen vor mir saß eine Marathongröße wie Emmanuel Mutai (Bestzeit 2:03!) und direkt hinter mir Florence Kiplagat, die im selben Rennen einen neuen Halbmarathon-Weltrekord bei den Damen lief. Trotzdem konnte ich einen kühlen Kopf bewahren und stellte in einer Zeit von 1:04:26 eine neue persönliche Bestzeit auf, die nur noch 20 Sekunden vom damaligen deutschen U23-Rekord entfernt war.

Nach diesem Erfolgserlebnis und der bisher pefekt verlaufenden Saison wähnte ich mich dann auf einem sehr guten Weg zum geplanten Highlight des Jahres: Der U23-EM in Tallinn über 10.000 Meter, bei der ich mir durchaus Medaillenchancen ausrechnete. Doch ich habe die Rechnung ohne das Schicksal gemacht, das es plötzlich nicht mehr gut mit mir meinte: Anfang März verlor ich bei der deutschen Crossmeisterschaft an Position 2 liegend in der letzten von acht Runden meinen Spike und kam nicht mehr in den Schuh hinein.

Hier noch mit Schuh bei der Cross-DM in Markt Indersdorf

Hier noch mit Schuh bei der Cross-DM in Markt Indersdorf

Unverrichteter Dinge musste ich aus Bayern wieder ins Ruhrgebiet zurückkehren, war aber nach wie vor optimistisch: Die Form war ja weiterhin gut und zu meiner Freude stand das große Frühjahrstrainingslager in Flagstaff/ Arizona an, in dem ich mir den letzten Schliff für eine erfolgreiche Sommersaison holen sollte. Doch diesmal verkraftete ich die Höhe in Flagstaff (2100 Meter über NN) nicht gut und konnte nicht auf meinem besten Niveau trainieren. Mein Trainer beruhigte mich aber, da ich immerhin gute Umfänge gelaufen bin und der Höheneffekt auch bei geringeren Belastungen wirkt. Bis zur U23-EM im Juli und der deutschen 10.000 Meter-Meisterschaft Anfang Mai war schließlich noch genügend Zeit, um nach meiner Rückkehr nach Deutschland noch schnelle Tempoläufe zu absolvieren. Die Qualifikationszeit von 29:38 sollte eigentlich nur Formsache sein, da ich sie bei meinem Halbmarathon nach 10 Kilometern fast durchging.

Doch dann kam der große Schock, der meine Saisonplanung komplett umwerfen sollte: Plötzlich konnte ich mein linkes Bein nicht mehr anheben. Es fühlte sich an, wie ein Hexenschuss im Bein und machte ein Training in den Aprilwochen unmöglich. Viele MRTs und Arzttermine später gab es immer noch keine Klarheit und das direkt vor der deutschen Meisterschaft, bei der die EM-Norm fallen sollte. Nach langem Überlegen überredete ich meinen Trainer zu einem Start, um wenigstens die Norm abzusichern. Doch die Schmerzen waren zu groß. Zwar konnte ich das Ziel erreichen, doch ich blieb nicht unter der 30-Minuten-Marke.

10 lange Kilometer bei der DM über 10.000 Meter

10 lange Kilometer bei der DM über 10.000 Meter

Was tun? Einerseits gab es einige Wochen später noch ein Rennen in den Niederlanden, in dem die Quali möglich wäre, doch andererseits blieben die Ärzte weiterhin ratlos. Zudem nagten die Ungewissheit und das fehlende Training an meiner Form. Anfang Juni kam dann die bittere Einsicht: Die Sommersaion ist für mich vorbei! Vieles deutete nun auf eine riskante Hüft-OP hin, zu der ich mich nach dutzenden Arztterminen bereit erklärte. Das Rennen bei der U23-EM wollte ich mir im Livestream nicht antun, doch ich konnte es nicht lassen, einen Blick auf die Ergebnisliste zu werfen: Ein Platz auf dem Podium wäre absolut drin gewesen – so ein Mist! Als ich im Juli schließlich einen Termin zugeteilt bekam, ließ ich beim Arzt beiläufig fallen, dass ein Weisheitszahn auf der linken Seite drückte. Um die Sterilität bei der Hüft-OP zu gewährleisten, sollte ich mir den Zahn vorher ziehen lassen.

Und wieder änderte sich alles: Nachdem mir der Zahn gezogen wurde, waren die Schmerzen in der linken Hüfte und dem Bein schlagartig verschwunden. Ich konnte wieder durchstarten! Eine simple Lösung für ein großes Problem. Sollte ich mich nun freuen oder ärgern?

Nichtsdestotrotz war die Sommersaison vorbei und ich musste mir neue Ziele stecken, um das Jahr noch halbwegs zu retten. Ich besann mich auf meine große Stärke – dem Straßenlauf. Ich erinnerte mich an das Rennen in Barcelona und freundete mich mehr und mehr mit dem Gedanken an, den deutschen U23-Rekord im Halbmarathon anzugreifen. Nach dem geeigneten Rennen dafür musste ich nicht lange suchen: Schon 2013 lief ich beim Rhein Energie Marathon in Köln eine neue Halbmarathon-Bestzeit. Der Countdown lief. In nur zwölf Wochen musste ich von 0 auf 1:04:05 kommen!

Gemeinsam mit meinem Trainer arbeiteten wir einen ehrgeizigen Plan aus, bei dem ich fokussierter trainierte, als jemals zuvor. Ich versuchte so oft es ging mit anderen Spitzenathleten zusammen zu trainieren. Zum Besipiel traf ich mich für einige Einheiten mit Philipp Pflieger und lud den besten australischen Hindernisläufer, James Nipperess, zu mir nach Wattenscheid ein. Nach sieben der zwölf Wochen stand bei der deutschen 10-Kilometer-Meisterschaft eine große Formüberprüfung an. In 29:37 lief ich sogar eine neue Straßenbestzeit und wurde deutscher U23-Vizemeister. Die Richtung stimmte und das Training lief wie von allein! Kein Dauerlauf war langsamer als 3:40 pro Kilometer.

Beim Tempotraining mit James Nipperess

Beim Tempotraining mit James Nipperess

Als es in die heiße Phase vor dem Köln Marathon ging, absolvierte ich einen letzten Test in niederländischen Varsseveld. Ein tolles Rennen, bei dem fünf 1-Kilometer Runden mit toller Stimmung gelaufen werden. Das Resultat war vielversprechend: In 14:18 lief ich einen neuen Streckenrekord und schlug meherer Läufer mit Bahnbestzeiten zwischen 13:32 und 13:47. Es kann alles so einfach sein.

Das konnte ich drei Wochen später am Tag X nicht mehr sagen. Angesichts des ehrgeizigen Plans einen Halbmarathon im Schnitt von 3:01 Minuten pro Kilometer zu laufen, war ich etwas nervös. Unterstützt wurde ich aber durch meine Vereinskollegen, die geschlossen nach Köln fuhren und meinem wichtigsten Trainingspartner Jonas Beverungen, der sich aufs Rad schwang. Um mich selbst beim Training noch mehr zu motivieren kommunizierte ich meinen Plan häufig auch nach außen. So interessierten sich recht viele Medien für meinen Lauf und ich versuchte es in positive Energie umzusetzen. Das alles half mir während des Rennens enorm. Während sich der erste Kilometer in 3:02 noch nicht so gut anfühlte, wurde es danach umso besser: 6:03 – 9:01 – 11:59 – 14:56, es lief wie geschmiert und ich musste mich zurückhalten, um nicht zu überpacen. Die 10-Kilometer-Marke, nach der ich Barcelona Zeit einbüßte, passierte ich wie im Februar in 30:03, fühlte mich aber immer noch gut. Ich wusste aber, dass mir noch sehr harte Kilometer bevorstehen würden.

Nach 14 Kilometern ging es los: Ein Kilometer war mit 3:08 deutlich zu langsam und ich musste nun viel stärker dagegenhalten. Innerlich sehnte ich jedes Kilometerschild herbei, doch sie kamen quälend langsam näher. Dennoch konnte ich die Zeiten ungefähr halten und nach meine Hochrechnungen war ich weiterhin auf Kurs. Ich habe während meiner ganzen Schulzeit wohl nicht so viel gerechnet, wie auf den letzten 5 Kilometern. Als ich Kilometer 18 passierte, war ich auf Kurs 1:04:02 –  es sollte verdammt knapp werden. Doch mir gelang es trotz der Qual noch einmal alles zu investieren und als ich mit einem Schlusskilometer von 2:52 neben dem deutschen U23-Rekord auch die EM-Norm von 1:03:45 zu unterbieten. Alles perfekt! Ich war im siebten Himmel.

Doch noch einmal wurde ich in diesem Jahr auf den Boden der Realität geholt: Als sich die Euphorie nach dem Halbmarathon etwas gelegt hat, wollte ich bei der Cross-EM in Hyères im Dezember den perfekten Abschluss meiner U23-Zeit finden. Nachdem sich bei den Quali-Wettkämpfen in Pforzheim und Darmstadt ein enorm starkes deutsches Team bildete, war die Medaillenchance mit dem Team sehr hoch und auch in den Medien wurden wir zu Medaillenkandidaten erklärt. Doch wie aus dem Nichts setzte ich das Rennen trotz einer guten Form komplett in den Sand, während der Rest des Teams die angepeilten Positionen erreichte. Für eine Medaille mit dem Team hätte ich nur 15. werden müssen. Ich kam als 35. ins Ziel!

In der Woche danach war ich dementsprechend enttäuscht und wurde treffenderweise krank. Ich habe 10 Tage gebraucht, um die Lust am Laufen wiederzufinden. Gerade jetzt zehre ich von dem Wissen, dass ich vor einigen Monaten in einer ähnlichen Situation war. Nach dem gezogenen Weisheitszahn musste ich mir neue Ziele suchen, genauso wie jetzt, nach der missglückten Cross-EM.

Ich hoffe, dass ich euch mit diesem Abriss meines Jahres einen interessanten Einblick in die Höhen und Tiefen des Leistungssports geben konnte. Ich persönlich habe viel gelernt über:

  • den Umgang mit Tiefschlägen, sowie Verletzungen und dem Comenback danach
  • den Umgang mit Medien
  • den Umgang mit hohem Druck bei großen Wettkämpfen
  • Zielsetzungen und dem konsequenten Arbeiten dafür

Ich wünsche euch allen schöne Feiertage und melde mich wieder nach meinem Trainingslager in Monte Gordo/ Portugal im Januar!

Autor: Über Hendrik Pfeiffer: Als ich als Teenager vom Fußball zum Laufen gewechselt bin, habe ich nicht geahnt, dass ich damit meine große Leidenschaft entdecken würde. Mittlerweile habe ich es zum Deutschen U23-Rekordhalter im Halbmarathon gebracht und träume von den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Während ich bisher eher noch auf der Bahn und im Halbmarathon (63:40h) unterwegs war, bastel ich schon am Umstieg auf die Marathon-Strecke und kann es kaum noch erwarten.

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